Montag, 8. Februar 2010

Sex Drugs Feuilletons

Die Hegemann ist ja derzeit wunderbar in aller Munde, und wer mag's ihr verdenken.

Gekonnt ein bisschen essayistischen Autobiographismus betreiben, der wunderbar mit der frühen Reifung und ein paar, oh oh nicht den Rotwein vor Schreck fallen lassen, Drogenexzessen jongliert. Sex an, auf, in Berghainen.

Der Spiegel postuliert weniger den Reiz ihrer Dramaturgie, denn die Atmosphäre. Klingt für mich nach einem weiteren Grund nur Menschen zu lesen, die leider schon Tod sind.

Was den Plagiatsvorwurf angeht, bin ich mir nicht ganz sicher wie ich dazu stehen soll. Allerdings finde ich, inter-, trans-, shareblablamedialität hin oder her, jemanden zitieren, jemanden sogar abschreiben ist vollkommen okay. Aber jemanden Kenntzeichnen ist eine Frage des Respekts, denn geschickt mit Text umgehen, dessen Quelle man markiert, ist eleganter, als plump copy&pasten. Stellt sich die Frage, ob ihre Erfahrungen nicht auch einfach in ihr Hirn kopiert wurden.

Eleganz. Hm. Ist wohl ohnehin abhanden gekommen. Stilistisch mit kreativer Elloquenz zu arbeiten (denn das scheint ihre Besonderheit) ist nichts weiter als die Konsequenz aus einer Welt, die semiotisch überquillt.


Nachtrag:
Also ich will damit nicht die Intertextualität als Plagiatismus bezeichnen.
Zwei Faktoren stören mich bei dieser Debatte und der ganzen Vorgehensweise: zum einen - wer Biographismus betreibt, der kann sich auch an der eigenen Biographie messen lassen. Mir kommen aber zweifel, dank der der Anspielungen, ob das Erlebte den Weg vom Erleben in den Text getan hat - oder ob alles einfach Fiktion ist. Zum anderen... kommt es darauf an, wer hier zitiert wird. Intelligente Anspielungen sind nicht das gleiche, wie Kopierismen. Intertextualität ist nicht Plagiat. Das soll jetzt nicht auf einen dagegengelagerten Originalitätsbegriff hinauslaufen. Die ganze Dichotomie ist, semiotischer Überdosis sei Dank, obsolet. Aber die Diskussionskombattanten (Hegemann und ihre Feuilletonfans) bewegen sich genau zwischen diesen beiden Polen. Schade drum.

Ich denke, dass die Diskussion in den falschen Begrifflickeiten einfach todläuft... zumindest in den letzten Stunden, was im Internet bereits Äonen sind.

Montag, 25. Januar 2010

Polysemantische Mahlzeiten - Vol. queer

Ups, jetzt wirds literaturwissenschaftlich.

Ich beschäftige mich zur Zeit, unibedingt, mit Essen und Literatur - vor allem im japanischen Kontext. Ein paar Notizen dazu.

Die meisten Studien dazu, die sich mit diesem Gebiet im weiteren beschäftigen (Kulinaristik scheint sich wohl als interdisziplinärer Terminus durchzusetzen), lasen sich oft sehr interessant. Wenn es jedoch ins Literaturwissenschaftliche geht, scheint noch einiges an theoretischen Überlegungen machbar zu sein. Für eine Arbeit über Kawakami Hiromis Sensei no kaban (dt. Titel: Der Himmel ist weiß, die Erde ist blau; 2008) soll zunächst folgende Methodensuppe arbeitsfähig gemacht werden.

Der Begriff "Essen" braucht erstmal ein bisschen Definition. Anstatt die Bereiche, die Essen sein können, kategorisch abzuschließen, folgender Vorschlag: Essen ist ein Prozess. Angefangen bei der Herstellung, über die Zubereitung, über den Verzehr hin zur Qualität - Essen, als Analysegegenstand lässt sich sehr weit fassen.
Weiter ist Essen gleichzeitig auch ein performativer Akt, der von verschiedenen Diskursen gelenkt, konstituierend wirken kann.

Folgende Szene (das Beispiel zeigt, dass auch Trinken in den Bereich des Essens gehören kann): Sie will ihm Bier einschenken, er mäkelt, schenkt sich selbst ein. Der performative Akt ist hier das Einschenken, in dem der Diskurs von Normativitäten im Verhalten zwischen Geschlechtern sich fortschreibt.

Ein weiterer Schritt ist nun das Verhältnis zwischen Essen und Text.
Hierzu eine Anleihe bei der Rezeptionsästethik*. Das ist zwar nicht unbedingt der heiße Scheiß, aber der kommt zum einen noch - und zum anderen ist es hier unheimlich praktisch. Also die Grundidee ist: Fiktion entsteht durch Selektion, Kombination und Dekomposition.
Selektion bedeutet die Auswahl bestimmter Wirklichkeitselemente.
Kombination ist die Einbettung in den Text.
Dekomposition ist der Kombination geschuldet, da der neue Kontext und der neue Referenzrahmen Teile der Bedeutung aus der Wirklichkeit verschieben.
In Bezug auf Essen würde das Bedeuten, dass Essen (mitsamt Prozess und Performativität) innerhalb von Texten eben diesen Prozess durchlaufen hat.

Um das ganze zu Verbeispielen:
Die beiden Trinken nicht nur Bier, sie essen auch heißen Tofu. Es ist ihr beider Lieblingsessen.
Er stirbt Jahre später, sie isst Tofu um sein Andenken hochzuhalten und die Trauer zu bewältigen.

Hier wird das reale, bekannte Gericht (das, nebenbei bemerkt, vor allem gerne im Winter in Japan gegessen wird) mitsamt allen Konnotationen in diese fiktive Situation übertragen. Eine Wendung im Laufe der Handlung profiliert dieses Gericht als verbindendes Element und gleichzeitig als Instrument der Bewältigung von Trauer.

Gut. Soweit so lecker.
Polysemantisches Potenzial haben wir jetzt, denn Essen (gemäß obiger Definition) ist mehr als nur ein Klumpen Nahrung, aber um aus der literaturwissenchaftlichen Hausmannskost Haute Cuisine zu machen, fehlt das queere Salz in der Suppe.

Essen im Text wird nun interdependent** gedacht.
Wer, wann, was, mit wem und wo isst, lässt sich intra, inter- und extratextuell lesen. Interdependenz liefert die Möglichkeit, die jeweiligen Bedeutungen ohne Essentialismen zu beschreiben und auszudeuten.
Will vereinfacht heißen, Tofu ist kein Zeichen für die Bewältigung von Trauer - aber je nach Kontext schon. Die fiktive Konstruktion dieses Kontextes zeigt die Sonderstellung die Essen in der Literatur hier inne hat.






Die Beispiele sind, ein bisschen abstrahiert und vereinfacht, dem oben erwähnten Roman entlehnt.

*Vor allem die Überlegungen von Wolfgang Iser zur Fiktionalität
**
(Interdependenz ist ein Konzept aus den neueren Queer Studies, das unter anderem von Elahe Haschemi Yekani und Beatrice Michaelis vertreten wird)