Ich beschäftige mich zur Zeit, unibedingt, mit Essen und Literatur - vor allem im japanischen Kontext. Ein paar Notizen dazu.
Die meisten Studien dazu, die sich mit diesem Gebiet im weiteren beschäftigen (Kulinaristik scheint sich wohl als interdisziplinärer Terminus durchzusetzen), lasen sich oft sehr interessant. Wenn es jedoch ins Literaturwissenschaftliche geht, scheint noch einiges an theoretischen Überlegungen machbar zu sein. Für eine Arbeit über Kawakami Hiromis Sensei no kaban (dt. Titel: Der Himmel ist weiß, die Erde ist blau; 2008) soll zunächst folgende Methodensuppe arbeitsfähig gemacht werden.
Der Begriff "Essen" braucht erstmal ein bisschen Definition. Anstatt die Bereiche, die Essen sein können, kategorisch abzuschließen, folgender Vorschlag: Essen ist ein Prozess. Angefangen bei der Herstellung, über die Zubereitung, über den Verzehr hin zur Qualität - Essen, als Analysegegenstand lässt sich sehr weit fassen. Weiter ist Essen gleichzeitig auch ein performativer Akt, der von verschiedenen Diskursen gelenkt, konstituierend wirken kann.
Folgende Szene (das Beispiel zeigt, dass auch Trinken in den Bereich des Essens gehören kann): Sie will ihm Bier einschenken, er mäkelt, schenkt sich selbst ein. Der performative Akt ist hier das Einschenken, in dem der Diskurs von Normativitäten im Verhalten zwischen Geschlechtern sich fortschreibt.
Ein weiterer Schritt ist nun das Verhältnis zwischen Essen und Text.
Hierzu eine Anleihe bei der Rezeptionsästethik*. Das ist zwar nicht unbedingt der heiße Scheiß, aber der kommt zum einen noch - und zum anderen ist es hier unheimlich praktisch. Also die Grundidee ist: Fiktion entsteht durch Selektion, Kombination und Dekomposition.
Selektion bedeutet die Auswahl bestimmter Wirklichkeitselemente.
Kombination ist die Einbettung in den Text.
Dekomposition ist der Kombination geschuldet, da der neue Kontext und der neue Referenzrahmen Teile der Bedeutung aus der Wirklichkeit verschieben.
In Bezug auf Essen würde das Bedeuten, dass Essen (mitsamt Prozess und Performativität) innerhalb von Texten eben diesen Prozess durchlaufen hat.
Um das ganze zu Verbeispielen:
Die beiden Trinken nicht nur Bier, sie essen auch heißen Tofu. Es ist ihr beider Lieblingsessen.
Er stirbt Jahre später, sie isst Tofu um sein Andenken hochzuhalten und die Trauer zu bewältigen.
Hier wird das reale, bekannte Gericht (das, nebenbei bemerkt, vor allem gerne im Winter in Japan gegessen wird) mitsamt allen Konnotationen in diese fiktive Situation übertragen. Eine Wendung im Laufe der Handlung profiliert dieses Gericht als verbindendes Element und gleichzeitig als Instrument der Bewältigung von Trauer.
Gut. Soweit so lecker.
Polysemantisches Potenzial haben wir jetzt, denn Essen (gemäß obiger Definition) ist mehr als nur ein Klumpen Nahrung, aber um aus der literaturwissenchaftlichen Hausmannskost Haute Cuisine zu machen, fehlt das queere Salz in der Suppe.
Essen im Text wird nun interdependent** gedacht.
Wer, wann, was, mit wem und wo isst, lässt sich intra, inter- und extratextuell lesen. Interdependenz liefert die Möglichkeit, die jeweiligen Bedeutungen ohne Essentialismen zu beschreiben und auszudeuten.
Will vereinfacht heißen, Tofu ist kein Zeichen für die Bewältigung von Trauer - aber je nach Kontext schon. Die fiktive Konstruktion dieses Kontextes zeigt die Sonderstellung die Essen in der Literatur hier inne hat.
Die Beispiele sind, ein bisschen abstrahiert und vereinfacht, dem oben erwähnten Roman entlehnt.
*Vor allem die Überlegungen von Wolfgang Iser zur Fiktionalität
**(Interdependenz ist ein Konzept aus den neueren Queer Studies, das unter anderem von Elahe Haschemi Yekani und Beatrice Michaelis vertreten wird)
Die beiden Trinken nicht nur Bier, sie essen auch heißen Tofu. Es ist ihr beider Lieblingsessen.
Er stirbt Jahre später, sie isst Tofu um sein Andenken hochzuhalten und die Trauer zu bewältigen.
Hier wird das reale, bekannte Gericht (das, nebenbei bemerkt, vor allem gerne im Winter in Japan gegessen wird) mitsamt allen Konnotationen in diese fiktive Situation übertragen. Eine Wendung im Laufe der Handlung profiliert dieses Gericht als verbindendes Element und gleichzeitig als Instrument der Bewältigung von Trauer.
Gut. Soweit so lecker.
Polysemantisches Potenzial haben wir jetzt, denn Essen (gemäß obiger Definition) ist mehr als nur ein Klumpen Nahrung, aber um aus der literaturwissenchaftlichen Hausmannskost Haute Cuisine zu machen, fehlt das queere Salz in der Suppe.
Essen im Text wird nun interdependent** gedacht.
Wer, wann, was, mit wem und wo isst, lässt sich intra, inter- und extratextuell lesen. Interdependenz liefert die Möglichkeit, die jeweiligen Bedeutungen ohne Essentialismen zu beschreiben und auszudeuten.
Will vereinfacht heißen, Tofu ist kein Zeichen für die Bewältigung von Trauer - aber je nach Kontext schon. Die fiktive Konstruktion dieses Kontextes zeigt die Sonderstellung die Essen in der Literatur hier inne hat.
Die Beispiele sind, ein bisschen abstrahiert und vereinfacht, dem oben erwähnten Roman entlehnt.
*Vor allem die Überlegungen von Wolfgang Iser zur Fiktionalität
**(Interdependenz ist ein Konzept aus den neueren Queer Studies, das unter anderem von Elahe Haschemi Yekani und Beatrice Michaelis vertreten wird)

